Bescheidenheit


Bescheiden können wir nicht nur im Annehmen von Dingen oder Gesten sein. Wir können auch in unserem Denken bescheiden sein.

Immer, wenn wir schon vorher wissen, wie unser Gegenüber reagieren wird oder wenn wir schon vorher wissen, wie eine Situation ausgehen wird oder wir uns, bevor wir es überhaupt versucht haben, sicher sind, dass wir etwas nicht können oder niemals schaffen werden, sind wir alles andere als bescheiden. Wir nehmen uns stattdessen heraus, etwas wissen zu wollen, was wir in dem Moment eigentlich gar nicht wissen können. Wir beschränken uns damit oft in unserem Blick und damit in unserem eigenen Potenzial, unseren Möglichkeiten. Und manchmal verpassen wir durch diese Denkbarrieren sogar große Chancen.

Beobachtet man ein Kleinkind, das gerade beginnt, sich auf extrem unbeholfene Art und Weise durch die Welt (die sich anfänglich oftmals auf sein Kinderzimmer oder das Wohnzimmer der Eltern beschränkt) bewegt, so kann man ganz deutlich erkennen, dass es sich immer nur mit dem auseinander setzt, was direkt vor ihm bzw. unmittelbar um es herum ist. Von dort bewegt es sich wieder nur zu den Gegenständen, die ganz nah sind - alles, was weiter weg ist, befindet sich noch nicht im Wahrnehmungsfeld und ist quasi nicht existent. Als beobachtender Erwachsener hat man manchmal Lust, etwas ganz besonders Spannendes zu zeigen oder fragt sich, warum das Kind nicht gleich in den nächsten Raum "läuft" - jetzt wo es sich endlich fortbewegen kann. Das Kind bleibt innerhalb seiner Möglichkeiten und geht von dort unmerklich kleine Schritte weiter. Ohne den überheblichen Gedanken, etwas schon zu wissen - ob positiv oder negativ - geht es mit offenen Augen und Ohren auf die Welt um es herum zu. Und erkundet. Stück für Stück. Das Wohnzimmer ist riesig. Es gibt unendlich viele Dinge, mit denen man spielen kann. Aber am Ende kann man eben immer nur mit einer Sache zur Zeit spielen. Und Schritt für Schritt in seinen Fähigkeiten wachsen.

Wenn wir in manchen Momenten weniger voreingenommen sind und zulassen, dass wir etwas Schritt für Schritt erkunden - vielleicht sogar auf uns zukommen lassen, überraschen wir uns vielleicht selbst. Es kann ja sein, dass wir nur denken, dass wir etwas nicht können oder schaffen. In diesem Moment bescheiden sein; nicht überheblich denken, die Welt und sich selbst schon längst zu kennen, kann uns in neue Erfahrungen führen. Bescheiden Schritt für Schritt beginnen, eine große Aufgabe zu lösen, anstatt vor dem scheinbar Unschaffbaren im Vorhinein zu kapitulieren. Selbst gebaute oder erdachte Limitationen aufzulösen ist ein langer Prozess. Er spiegelt sich aber direkt in der Asana-Praxis wieder: Wenn das nächste Mal in einer Yogastunde alles danach aussieht, als würde eure Alptraum-Asana als nächstes dran kommen: Wagt euch doch mal Schritt für Schritt etwas weiter ohne an das große Finale einer perfekten Form zu denken. Vielleicht passiert die Asana am Ende doch von ganz allein. Der innere Lehrer, das Quäntchen spielerisch kindliche Neugierde wird Dich zuverlässig leiten. So auch in vielen anderen Dingen des Alltags. Ein bescheidenes, neugieriges Herz hilft Dir, immer wieder Neues zu entdecken. Die Bescheidenheit hilft, aufmerksam genug zu sein, um nicht verletzt zu werden.